|
Verwandlung
Als ich am Neujahrstag erwachte, stellte ich fest, dass ich mich in eine Harfe verwandelt hatte.
Ich fand ja Harfen schon immer faszinierend, aber das ist nun doch sehr merkwürdig. Na ja, auch mal eine interessante Erfahrung. Immerhin bin ich ein ziemlich wertvolles Instrument und eher edel.
Mein Klang hängt nun vollständig davon ab, wer mich wie berührt. Als Mensch war das wohl ähnlich aber nicht immer so deutlich zu hören.
Sooooo viele verschiedene Saiten, .... auch das durchaus mit einem Menschen vergleichbar.
In Meinem Schlafzimmer sieht es aus wie immer, nur das ich mich nicht bewegen kann. Die Frau die unter mir wohnt läuft wie immer durch ihre Wohnung. Die Vibration lässt meine Saiten sacht schwingen. Zu hören ist das für Menschen vermutlich kaum. Für mich fühlt sich das lustvoll an. Vom Leben in Schwingung versetzt!
Wie sich das wohl erst anfühlt, wenn jemand meine Saiten berührt und auf mir spielt, oder wenn ich draussen bin und den Wind fühle?!
Dieses Jahr wollte ich eigentlich drei Tage entweder in einer Erdhöhle verbringen oder in einem Baumhaus. Die Erdhöhle fällt jetzt aus, da passe ich gar nicht durch die Tür. An das Baumhaus dachte ich wegen dem Kontakt zur Luft. Dafür bin ich jetzt allerdings geradezu geschaffen. Und das Baumhaus hat eine Art Terrasse auf der ich gut stehen könnte.
Die Vorstellung oben zwischen den Baumwipfeln im Wind zu stehen und mit den Blättern gemeinsam zu klingen. Aufregend! Wie sich der Nachtwind wohl von dem am Tage unterscheidet?
Frieren kann ich als Harfe nicht, das scheint mir ein echter Vorteil. Auch essen brauche ich nicht und aufs Klo muss ich auch nicht.
Die Herausforderung wird sein, jemanden zu finden der mich hoch auf die Plattform bringt.
Mit einem Seilzug sollte das locker gehen.
Nur, ... wer ist feinfühlig genug zu erkennen wo ich hin will????
Dorothee Bornath
Was bedeutet Liebe?
Eine Gruppe von Experten befragten Kinder im Alter von 4 bis 8 Jahren: Die Antworten waren umfassender und tiefgehender, als sich irgendjemand vorgestellt hatte:
Als meine Oma Arthritis bekam konnte sie sich nicht mehr bücken um ihre Fußnägel zu lackieren. Mein Opa macht es jetzt immer, sogar als auch er Arthritis in seinen Händen bekam. Das ist Liebe.
Rebecca 8 Jahre
Wenn dich jemand liebt, sagen sie deinen Namen anders. Du weißt, dein Name ist in ihrem Mund gut aufgehoben.
Billy, 4 Jahre
Liebe ist wenn ein Mädchen Parfum benutzt und ein Junge Rasierwasser und dann gehen sie weg und beschnuppern sich.
Karl, 5 Jahre.
Liebe ist wenn du mit jemandem zum Essen ausgehst und du die meisten deiner Pommes Frites hergibst, ohne dass sie dir welche von ihren geben müssen.
Chrissy, 6 Jahre
Liebe bringt dich zum Lächeln wenn du eigentlich müde bist.
Terri, 4 Jahre.
Liebe ist wenn Mutti Kaffe macht für Vati und dann probiert, ob der Kaffee auch gut genug, ist bevor sie ihn serviert.
Danny, 7 Jahre
Wenn du liebst bist du immerzu am Küssen, und wenn du dann genug hast vom Küssen willst du immer noch zusammen sein und dann redest du lange miteinander. Mutti und Vati sind so und es ist sieht krass aus wenn sie küssen.
Emily, 8 Jahre
Liebe ist so im Zimmer an Weihnachten wenn du die Geschenke aufmachst und einfach zuhörst.
Bobby, 7 Jahre
Wenn du mehr Liebe lernen willst fang am besten an mit einem Freund, den du hasst.
Nikka, 6 Jahre
Liebe ist wenn du einem Typen sagst das du sein Hemd toll findest und er es dann jeden Tag an hat.
Noelle, 7 Jahre
Liebe ist ein kleiner alter Mann und eine kleine alte Frau die immer noch Freunde sind obwohl sie sich doch schon so gut kennen.
Tommy, 6 Jahre
Als ich einmal auf dem Klavier vorspielte hatte ich sehr viel Angst als ich auf der Bühne stand. Ich schaute mir all die Leute an die mir zusahen und dann entdeckte ich meinen Vater der mir winkte und mich anlächelte. Er war der einzige der das machte, dann hatte ich keine Angst mehr.
Cindy, 8 Jahre
Meine Mama liebt mich mehr als irgendjemand anders. Niemand sonst küsst mich in den Schlaf am Abend.
Clare, 6 Jahre
Wenn Mama dem Vati das beste Stück vom Hähnchen gibt, das ist Liebe.
Elaine, 5 Jahre
Mutti sagt von Vati selbst wenn er verschwitzt ist und schmutzig dass er toller aussieht als Brad Pitt, das ist Liebe.
Chris, 7 Jahre
Liebe ist wenn dein Hündchen dich freudig im Gesicht ableckt obwohl du ihn den ganzen Tag alleine gelassen hast.
Mary Ann, 4 Jahre
Ich weiß dass meine Schwester mich liebt, sie gibt mir all ihre Klamotten und muss dann wieder neue kaufen.
Lauren, 4 Jahre
Wenn du jemanden liebst klimperst du mit deinen Wimpern ganz wild und kleine Sterne kommen aus dir heraus.
Karen, 7 Jahre
Man sollte Ich liebe dich wirklich nur sagen wenn man es auch wirklich meint, aber wenn man es wirklich meint sollte man es ganz oft sagen, Leute sind vergesslich.
Jessika, 8 Jahre.
Zu guter Letzt, der Autor wurde gebeten einen Wettstreit zu entscheiden, es ging darum das liebevollste Kind zu finden.
Der Sieger war ein Junge dessen Nachbar seine Frau gerade verloren hatte. Als er den Mann weinen sah ging der kleine Junge zu ihm und setzte sich einfach auf seinen Schoß. Als seine Mutter ihn später fragte, was er zu ihm gesagt hätte, sagte der kleine Junge: Gar nichts, ich habe ihm nur beim Weinen geholfen.
zurück zur Auswahl

"Verschwenderische Sonne"
Die Sonne reiste in ihrem Feuerwagen über den Himmel, froh und glorreich warf sie ihre Strahlen in alle Richtungen zum großen Ärger einer gewittrig gelaunten Wolke, die brummte: „Verschwenderin, Vergeuderin, wirf nur deine Strahlen alle weg, du wirst schon sehen, was dir dann übrig bleibt."
Jede Traube in den Weinbergen, die an den Reben reifte, stahl sich einen Strahl in der Minute oder sogar zwei; und da war kein Grashalm, keine Spinne, keine Blume und kein Wassertropfen, der sich nicht seinen Teil genommen hätte.
„Lass dich nur von allen bestehlen: Du wirst schon sehen, wie sie es dir danken werden, wenn du nichts mehr hast, das man dir stehlen könnte.“
Die Sonne reiste vergnügt weiter und schenkte Millionen und Milliarden Strahlen, ohne sie zu zählen. Erst bei ihrem Untergang zählte sie die Strahlen, die sie noch hatte: Und siehe, es fehlte kein einziger. Die Wolke löste sich vor Überraschung in Hagel auf. Und die Sonne verschwand vergnügt im Meer.
von Gianni Rodari.
zurück zur Auswahl

Das Geschenk des Rabbi
Es war einmal ein Kloster, für das schwere Zeiten angebrochen waren. Einst ein großer Orden, waren alle seine Bruderhäuser verlorengegangen als Folge der Wogen klosterfeindlicher Verfolgung im 17. und 18. Jahrhundert und der Säkularisation im 19. Jahrhundert. Er war bis zu einem solchen Ausmaß dezimiert worden, daß nur noch fünf Mönche übrigblieben im zerfallenden Mutterhaus: der Abt und vier andere, alle Über 70 Jahre alt. Es war klar, daß es ein sterbender Orden war. In den tiefen Wäldern, die das Kloster umgaben, stand eine kleine Hütte, die ein Rabbi von einer nahe gelegenen Stadt gelegentlich als Einsiedelei benutzte. Durch die vielen Jahre des Gebets und der Kontemplation waren die alten Mönche ein wenig hellsehend geworden, so daß sie es immer wahrnehmen konnten, wenn der Rabbi in seiner Eremitage war. „Der Rabbi ist im Wald, der Rabbi ist wieder im Wald” , pflegten sie einander zuzuflüstern. In einer solchen Zeit, als der Abt sich wieder einmal zermarterte über den unabwendbaren Tod seines Ordens, fiel ihm ein, den Rabbi in, seiner Eremitage zu besuchen und ihn zu fragen, ob er möglicherweise einen Rat wüßte, wie das Kloster zu retten sei, Der Rabbi hieß den Abt in seiner Hütte willkommen. Aber als der Abt den Zweck seines Besuches erklärte, konnte der Rabbi nur mitfühlend ausrufen: „Ich weiß, wie das ist, der Geist hat die Menschen verlassen. Es ist genauso in meiner Stadt. Fast keiner kommt mehr in die Synagoge.” So weinten der alte Abt und der alte Rabbi zusammen. Dann lasen sie in der Thora und führten in Ruhe tiefe Gespräche. Die Zeit kam heran, daß der Abt aufbrechen mußte. Sie umarmten sich. „Es war wunderbar, daß wir uns nach all den Jahren begegnen konnten”, sagte der Abt, „aber ich habe noch immer das nicht erreicht, dessentwegen ich hergekommen bin. Gibt es denn gar nichts, das du mir sagen kannst, keinen kleinen Rat, der mir helfen würde, meinen sterbenden Orden zu retten?” „Nein, es tut mir leid”, erwiderte der Rabbi, „ich habe keinen Rat zu geben. Das einzige, was ich dir sagen kann, ist, daß der Messias einer von euch ist." Als der Abt zum Kloster zurückkehrte, versammelten sich seine Brüder um ihn und fragten: „Nun, was sagte der Rabbi?” „Er konnte nicht helfen”, antwortete der Abt. "Wir haben nur geweint und zusammen die Thora gelesen. Das einzige, was er sagte, gerade als ich ihn verließ - es blieb etwas dunkel -, war, daß der Messias einer von uns sei. Ich weiß nicht, was er meinte.” In den Tagen, Wochen, Monaten, die folgten, bedachten die alten Mönche dies und fragten sich, ob es irgendeine Bestätigung für die Worte des Rabbis gebe. Der Messias ist einer von uns? Kann er überhaupt einen von uns Mönchen hier im Kloster gemeint haben? Wenn das der Fall ist, welchen? Glaubst du, er meinte den Abt? Ja, wenn er irgendeinen meinte, war es vermutlich Vater Abt. Er ist mehr als eine Generation lang unser Führer gewesen. - Andererseits könnte er Bruder Thomas gemeint haben. Sicherlich ist Bruder Thomas ein heiliger Mensch. Jedermann weiß, daß Thomas ein Mann des Lichts ist. - Sicherlich konnte er nicht Bruder Elred meinen! Elred ist zeitweise schrullenhaft. Aber wenn man es recht bedenkt, auch wenn er ein Ärgernis für die Leute ist, hat Elred eigentlich immer recht. Oft sehr recht. Kann sein, der Rabbi meinte wirklich Bruder Elred. - Aber sicher nicht Bruder Phillip. Phillip ist so passiv, ein rechter Niemand. Aber dann, beinahe rätselhaft, hat er die Gabe, irgendwie immer da zu sein, wenn man ihn braucht. Er erscheint wie durch Zauber an deiner Seite. Vielleicht ist Phillip der Messias. - Natürlich meinte der Rabbi nicht mich. Er konnte keinesfalls mich meinen. Ich bin nur eine gewöhnliche Person. Aber angenommen, er tat es? Angenommen, ich bin der Messias? O Gott, nicht ich. Ich könnte nicht so viel für Dich bedeuten, nicht wahr? Wie sie in dieser Art überlegten, begannen die alten Mönche einander mit außerordentlichem Respekt zu behandeln, wegen der entfernten Möglichkeit, daß einer von ihnen der Messias sein könnte. Und auf die noch entferntere Möglichkeit hin, daß jeder der Mönche selbst der Messias sein könnte, begannen sie, sich selbst mit außerordentlichem Respekt zu behandeln. Weil der Wald, in dem das Kloster lag, so schön war, geschah es noch gelegentlich, daß Leute es besuchten, um auf dem kleinen Rasen zu picknicken, die Wege entlang zu wandern, sogar dann und wann in der baufälligen Klosterkapelle zu meditieren. Als sie so taten, fühlten sie, ohne sich dessen bewußt zu sein, diese Aura von außerordentlichem Respekt, die nun die fünf alten Mönche zu umgeben begann, die von ihnen auszustrahlen und die Atmosphäre des Ortes zu durchdringen schien. Es war etwas seltsam Anziehendes, ja sogar Bezwingendes daran. Kaum wissend warum, kamen sie immer häufiger wieder zu dem Kloster, um zu picknicken, zu spielen, zu beten. Sie begannen, ihre Freunde mitzubringen, um ihnen diesen besonderen Ort zu zeigen. Und ihre Freunde brachten deren Freunde mit. Dann geschah es, daß einige der Jüngeren, die das Kloster besuchten, anfingen, mehr und mehr mit den alten Mönchen zu sprechen. Nach einiger Zeit fragte einer, ob er sich ihnen anschließen dürfe. Dann ein anderer und noch einer. So wurde das Kloster innerhalb weniger Jahre wieder ein aufstrebender Orden und, dank des Geschenkes des Rabbis, ein lebendiges Zentrum von Licht und Geistigkeit in der Gegend.
Alte Parabel, wie M. Scott Peck sie in dem Prolog zu seinem Buch "The Different Drum" nacherzählt. Aus dem Amerikanischen von Renate M. Schmid
zurück zur Auswahl

Gleichnis Der Blick auf das Wasser
Einen Weisen im alten China fragten einmal seine Schüler: "Du stehst nun schon so lange vor diesem Fluss und schaust ins Wasser. Was siehst du denn da?"
Der Weise gab keine Antwort. Er wandte den Blick nicht ab von dem unablässig strömenden Wasser. Endlich sprach er:
"Das Wasser lehrt uns, wie wir leben sollen. Wohin es fließt, bringt es Leben und teilt sich aus an alle, die seiner bedürfen. Es ist gütig und freigiebig.
Die Unebenheiten des Geländes versteht es auszugleichen: Es ist gerecht.
Ohne zu zögern in seinem Lauf, stürzt es sich über Steilwände in die Tiefe. Es ist mutig.
Seine Oberfläche ist glatt und ebenmäßig, aber es kann verborgene Tiefen bilden. Es ist weise.
Felsen, die ihm im Lauf entgegenstehen, umfließt es. Es ist verträglich.
Aber seine Kraft ist Tag und Nacht am Werk, das Hindernis zu beseitigen. Es ist ausdauernd.
Wie viele Windungen es auch auf sich nehmen muss, niemals verliert es die Richtung zu seinem ewigen Ziel, dem Meer, aus dem Auge. Es ist zielbewusst.
Und sooft es auch verunreinigt wird, bemüht es sich doch unablässig, wieder rein zu werden. Es hat die Kraft, sich immer wieder zu erneuern.
Das alles, sagte der Weise, ist es, warum ich auf das Wasser schaue. Es lehrt mich das rechte Leben!"
Autorin unbekannt
zurück zur Auswahl

Eine Baumgeschichte
Ich brenne. Feuer erweckte mich zum Leben, Feuer nimmt es mir wieder. Andere Bäume haben mir erzählt, dass das Feuer mich, als ich noch eine Samenkapsel war, zum Keimen brachte. Das Feuer vernichte altes Leben, um neues Leben zu ermöglichen, sagten sie. Auch ich war damals junges Leben, aber ich erinnere mich nicht mehr daran. Heute bin ich alt. Sehr alt sogar, vielleicht uralt, vielleicht älter; ich weiß es nicht mehr so genau. Ich sah junges Leben sprießen im Überfluss, rings um mich herum, auf allen Seiten. Aber heute ist es nicht mehr. Es war so zart und doch so kraftvoll, sich energisch der Sonne entgegenreckend, der großen Lebensgeberin. Doch nun bin nur noch ich hier. Ich weiß nicht, ob es richtig ist, dass das junge Leben verging und ich nicht, wo es doch so viel jünger war als ich und ich doch so alt bin. Aber vielleicht wurden die Regeln geändert, das weiß ich nicht. Nicht, dass es für mich so wichtig gewesen wäre, das zu wissen, aber ich hätte es zumindest gerne erfahren. Aber es ist niemand mehr da, der es mir sagen könnte. Ich habe lange keinen Baum mehr gesehen, ich habe seit vielen Jahren nicht mehr mit einem gesprochen. Das ist alles schon lange her, aber das ist nun einmal so. Ich weiß gar nicht, ob es überhaupt noch Bäume gibt, außer mir. Vielleicht bin ich nicht nur der Letzte meiner Art, vielleicht bin ich auch der letzte Baum überhaupt. Aber ich denke, das zu glauben wäre vermessen. Ich war immer bescheiden, so hat man es mir jedenfalls gesagt. Ob das aber jetzt noch etwas ausmacht? Ich bezweifle es. Na ja, jedenfalls brenne ich. Ich denke, diesmal kommt kein Regen, wie damals beim Blitz. Oder damals, als das Eifrige Volk um mich herum kämpfte. Nein, diesmal kommt kein Regen. Ich habe mich selten geirrt mit dem Wetter, obwohl ich in den letzten paar Jahrhunderten etwas nachgelassen habe. Aber ich bin ja schon alt, das entschuldigt mich vielleicht ein wenig. Vielleicht kommt dann doch Regen?! Hmm, nein, heute Nacht nicht. Vielleicht morgen Nacht, aber dann ist es nicht mehr wichtig, zumindest nicht für mich. Für das Eifrige Volk aber bestimmt. Alles Kurze, Schnelle, Hastige ist wichtig für sie; wie ein schneller Regenschauer. Ich verstehe das heute. Früher konnte ich das nicht begreifen und zwar lange Zeit nicht. Wir Bäume brauchen manchmal lange, bis wir etwas begreifen, aber das Gelernte vergessen wir dafür niemals. Und wir geben es weiter. Wem werde ich es nun weitergeben? Nun ja, aber schließlich habe ich diese Wesen verstanden: Sie werden nicht alt, sie leben nur kurz und versuchen, in dieser wenigen Zeit so viel zu tun, wie sie nur können. Vieles fangen sie an und lassen es dann liegen. Ich habe es gesehen, viele Male. Und auch gehört, aber das ist lange her... Sie laufen herum und machen Krieg. Sie leben und sterben, so wie die Jahreszeiten kommen. So wie wir eigentlich auch, aber so hektisch. Trotzdem scheinen sie sich zu behaupten unter der Sonne, vielleicht sogar besser als wir. Ich habe viele von ihnen gesehen, in der letzten Zeit. Wir Bäume - ist es wirklich so, dass ich noch "wir" sagen kann? - haben sogar ihre Zeitgebung übernommen, die sie sich selbst von der Natur abgeguckt haben und auch ihren Namen, der da lautet "Menschen". Sie machen vieles nach, diese Menschen, das habe ich gesehen. Dieses stinkende Ding, das sich so hastig bewegte, laut und röhrend, außen so hart wie eine Nuss, innen mit weichem Menschenkern. Und wie das Eichhörnchen die Nuss knackt, so haben auch andere diese zerbrochen. Sie haben es laut knallen lassen und dann war die Schale zerbrochen; und gebrannt hat es auch. Aber sie müssen das Knacken noch lernen, so wie das Eichhörnchen es macht. Es zerstört nämlich den Kern nicht. Und es verletzt keine Bäume, wenn man von seiner Räuberei einmal absieht. Mich haben die Menschen aber verletzt: Als es so laut knallte, da splitterte die Schale von ihrem Gerät und einer der Splitter traf mich. Ich bin schon von Vielem getroffen worden: von Steinen und von Ästen, vom Regen und vom Schnee und vom Wind - gar manche Äste habe ich durch ihn verloren, aber meist nur die schwachen, abgestorbenen - all das hat mir nie viel ausgemacht. Nur der Blitz damals, der war schlimm. Und dieser Splitter war genauso schlimm: Er war hart, härter als alles, was ich bisher erlebt hatte, er war heiß wie Feuer und spitz wie ein Dorn. Ich erschrak, als er mich traf; nicht wie bei dem Blitz, denn den hatte ich erwartet, wie bei jedem Sturm. Tief drang der Splitter in mich ein, so tief wie die Höhlung eines Spechts. Heute noch trage ich ihn in mir, tief im Stamm verborgen, unter der Borke und manchmal denke ich noch an ihn. Ich habe versucht, mit den Menschen zu reden, aber sie waren schon fort oder tot, bevor ich dazu kam.
Einmal haben sie einen der Ihren zwischen meinen Wurzeln begraben, aber das ist schon viele Jahre her. Ich denke, er muss wichtig gewesen sein, denn es waren viele gekommen, um ihn zu begraben. Aber nur drei gruben ein Loch für ihn. Die anderen standen nur da. Manche schrieen, manche weinten, manche sagten gar nichts. Von meinem Hügel aus konnte ich sehen, dass da noch viel mehr Menschen waren, weiter entfernt und es war gut, dass sie weiter weg waren, denn sie trugen Feuer in ihren Händen. Es dauerte Stunden, bis sie fertig waren: Sie legten den Mann in eine Kiste aus Holz, gutes Holz einer alten Eiche. Ich sah, dass sie lange schon tot gewesen sein musste, ganz anders als der tote Mann. Nun, die Kiste blieb offen, bis zuletzt, bevor sie sie mit Erde bedeckten. Doch vorher sprachen etliche Menschen, immer einer nach dem anderen. Der Schein des Feuers am Fuße meines Hügels leuchtete bis hinauf zu uns und die Menschen glänzten wie nasse Steine, aber nur die Männer. Auch die Stöcke in ihren Händen glänzten, ebenso der, den sie dem Toten mit in die Kiste legten. Sein Haar glänzte ebenfalls, aber in gelb und in rot und in grün und es war steif und hart, wahrscheinlich weil er tot war. Als sie ihn in die Kiste gelegt hatten, war es ihm heruntergefallen, aber sie haben es ihm wieder aufgesetzt. Irgendwann kam dann eine Frau und sprach, aber nicht wie die anderen, sondern leise, in das Grab hinein, so als wäre sie allein mit dem Toten. Ich denke, aber ich weiß es nicht mehr so genau, dass auch diese Frau geglänzt hat, aber mehr von innen heraus und danach aus ihren Augen. Ich wusste vorher gar nicht, dass auch Menschen es regnen lassen können und eine zeit lang dachte ich, SIE machen den Regen. Aber ich weiß, dass es Bäume schon länger gibt als Menschen und damals hatte es auch schon geregnet. Hmm, vielleicht haben sie auch das nachgemacht, ja, so wird es sein. Regen bedeutet Leben, so wie das Licht auch und vielleicht wollte die Frau, dass der Mann wieder lebt, also hat sie es regnen lassen. Aber es hat nichts geholfen. Ein toter Stamm ist ein toter Stamm, der Regen belebt ihn nicht, er lässt ihn nur verfaulen. Auch dieser tote Mann ist verfault, so wie altes modriges Holz, aber nicht ganz: Seine Borke ist weg und auch sein Bast, doch der Stammkern ist noch da, weiß und verästelt, zu meinen Füßen. Auch der einst glänzende Ast und sein Haar sind noch da. Aber der Ast glänzt heute nicht mehr, denke ich und eine meiner Wurzeln hat ihn zerbrochen. Das Haar hat sich nicht geändert, es ist noch genauso wie damals, nur voller Erde jetzt. Damals, bei der Beerdigung, haben sie keine Erde an den Toten gelassen. Sie haben die Holzkiste geschlossen nachdem die Frau gesprochen hatte und dann haben sie Erde auf die Kiste getan, bis kein Loch mehr da war. Dann haben sie die Erde festgestampft. Das war gut, ja sehr gut. Löcher sind schlecht und Höhlen auch. Dann sind sie gegangen, einzeln und auch in Gruppen. Die Frau und ein anderer Mann, er muss wohl sehr alt gewesen sein - ich erkenne Alter, wenn ich es sehe - gingen als Letzte. Ich habe sie nie wieder gesehen. Die Leute am Fuße des Hügels gingen auch und ich sah das Feuer in die Nacht verschwinden. Ich habe in dieser Nacht auch noch Lärm gehört, später, einige Stunden - schon wieder ein Wort der Menschen, wir teilen die Zeit nicht so sehr ein wie sie - nachdem die Menschen mich verlassen hatten und es war Feuer am Horizont und hier und da kam es mir vor, als sähe ich Gestalten umherlaufen, einer hinter dem anderen her, ihr Glanzäste hoch über ihre Köpfe schwingend. Aber ich habe schon viel vergessen, vielleicht erinnere ich mich auch nicht mehr so richtig daran. Die Frau und der Mann... hmmm... vielleicht wie zwei Bäume; auch wir brauchen einander, zum Schutz, zur Gesellschaft und um neues Leben zu erzeugen. Bei den Menschen muss es ähnlich sein, aber ich denke, sie brauchen einander noch viel mehr als wir Bäume. Sie leben auch nicht lange und sie sind vielleicht deshalb so sehr voneinander abhängig. Trotzdem töten sie einander, früher wie heute. Ich habe nie einen Baum einen anderen töten sehen, obwohl ich vor langer Zeit gehört habe, dass es Ausnahmen geben soll. Die Menschen bringen sich aber nicht ausnahmsweise um, sondern oft. Nun ja, vielleicht ist das so ihre Art, obwohl - der Frau schien das nicht zu gefallen. Vielleicht ist auch das ihre Art, wer weiß?
Das Feuer schmerzt, es breitet sich aus, auch in die Tiefe. Der Kern ist bedroht. Noch ist er stark, nie wurde er ausgehöhlt und darauf bin ich stolz. Doch jetzt wird ihn das Feuer auffressen. Wieso bin ich eigentlich traurig? Es ist schon in Ordnung zu sterben, alles stirbt eines Jahres, irgendwann. Ich habe außerdem lange gelebt und viel gesehen. Ich habe meine Schösslinge aufwachsen sehen - aber auch sterben. Vielleicht lebt ja einer noch, als Same einst vom Winde davongetragen. Irgendwo. Aber nicht hier und das macht mich traurig, denke ich. Ich wollte so gerne mit einem anderen Baum reden, oder mich einfach nur zusammen mit ihm im Winde wiegen. Etwas Neues erfahren, etwas Altes erzählen... Ich schweife in Gedanken ab und bemitleide mich selbst. Wie der junge Mann, damals, vor .... vor langer Zeit. Er kam den Hügel herauf zu mir, ganz langsam, ruhig und still. Das machte ihn mir gleich sympathisch. Aber dann sah ich, dass sein Gesicht traurig war und er ließ die Schultern hängen. Dann sah er zu mir auf und ich denke, für einen Augenblick hatte er mich WIRKLICH gesehen. Aber dann senkte er seinen Blick und der Moment war vorbei. Er seufzte und setzte sich. Dann rutschte er nach hinten, bis er an meinen Stamm stieß. Er lehnte sich an mich und das war das erste Mal, dass mich ein Mensch berührt hat. Ich fand, er war so zart, ich konnte ihn fast gar nicht spüren. So energiegeladen die Menschen auch wirken, so schwach können sie sein. Aber sie können auch steinharte, fahrende Schalen bauen und glänzende Äste, Klingen heißen sie und das gleicht es wieder ein wenig aus. Aber nicht bei diesem hier. Ein Sturm, den ich leicht aushalten könnte, hätte ihn schnell getötet. Aber dafür konnte er ja auch weglaufen und ich nicht. Ihm schien aber nicht nach Laufen zumute. Er saß einfach nur da, manchmal murmelte er vor sich hin, doch meistens schwieg er nur. Nach einiger Zeit zog er ein buntes Blatt unter seiner Rinde hervor und betrachtete es. Ich sah, was darauf abgebildet war: ein Mensch, eine Frau, ja eine Menschenfrau. Der Mann blickte lange auf das Blatt und plötzlich ließ er es regnen aus seinen Augen. Ich erinnerte mich an die Frau von einst. Vielleicht war diese andere Frau auf seinem Blatt auch tot, so wie der Mann in der Holzkiste zwischen meinen Wurzeln, direkt unter seinen Füßen. Vielleicht war sie auch fort und er war so allein wie ich. Irgendwann steckte er das Blatt wieder weg und er stand auf. Er blickte an mir hoch und nahm dann etwas anderes aus einer Falte unter seiner Borke. Er zog daran herum und da war es lang und biegsam und sah aus wie Bast, nur war es dicker und auch dunkler. Er nahm den Bast und blickte prüfend noch einmal an mir hoch. Da! Auf einmal warf er ein Ende der Basts hoch, während er das andere noch in seiner Hand hielt. - Hände: Das sind des Menschen Hauptäste, zwei an der Zahl, mit sehr biegsamen Zweigen an ihrem Ende. - Der Bast schlang sich um einen meiner niedrigeren Äste und fiel wieder herunter. Der Mann nahm beide Enden in seine Hände und arbeitete daran herum. Dann zog er an einem Ende und das andere wanderte wieder nach oben. Er zog und zog, bis es auf einmal einen Ruck gab. Der Bast war fest an meinem Ast befestigt. Er zog noch mal daran und zerrte, aber der Bast hielt fest und so ich auch. Ich überlegte, was das denn bedeuten solle. Wollte er mich zu Fall bringen, mich stürzen? Ich weiß von früher, dass Menschen Bäume fällen, sie ziehen sie mit so einem Bast herunter. Aber zuerst hört man die Schläge. Sie schlagen die Bäume immer zuerst, bevor sie sie fällen. Dieser Mann hier hatte aber nichts zum Schlagen dabei. Er zog nur und zerrte an dem Bast. Dann, auf einmal, hörte er auf und begann, an mir heraufzusteigen. Er schaffte es aber nicht weit, aber immerhin, er kam ein wenig voran. Dann nahm er das andere Ende, das immer noch in seinen Händen gehalten hatte und schlang es sich um den Hals. Er arbeitete mit seinen Händen, dann war er fertig. So stand er nun da, auf einem Vorsprung meines Stamms, nur die Hälfte seiner Körperhöhe hoch. Er stand da und rührte sich nicht. Ich fragte mich, was er denn da so tun wollte. War er etwa von einer Art wie wir Bäume, wollte er sich nicht wieder bewegen? Aber nein. Denn er holte wieder das bunte Blatt hervor und betrachtete es lange. Er wollte es dann wieder wegtun, aber es entglitt ihm und fiel zu Boden. Er erschrak und griff danach, rutschte aus und fiel. Plötzlich war da ein Zug an meinem Ast und da merkte ich erst, dass der Mann an einem Seil hing und das hing an meinem Ast und zerrte daran. Einen Moment lang dachte ich, dass er mich wohl doch hat täuschen wollen mit seiner Baumartigkeit um mich dann doch noch zu fällen. Dann aber fiel mir auf, dass seine Kraft bei weitem nicht reichte um mich auch nur ein wenig zu gefährden. Jedes laue Lüftchen war stärker. Während ich so vor mich hin überlegte, fiel mir auf, dass der Mann sich heftigst bewegte. Er streckte seine beiden Wurzeln, die er nach Menschenart nie in die Erde versenkte, weit von sich, während er mit seinen Händen nach dem Seil griff und sich dabei unablässig drehte. Da knarrte es. Da krachte es. Da brach der Ast, der schon seit langer Zeit kein Leben mehr in sich trug. Er fiel zu Boden und der Mann auch. Da lagen sie nun, mein toter Ast und der halbtote Mann über einer Kiste aus Holz mit einem toten Mann darin. So lag er und drehte sich und krümmte sich. Ich hatte mittlerweile begriffen: Dieser Mann wollte sich selber töten. Ich fragte mich wieso? Hätte er nicht einen anderen fragen können, der sowieso vorhatte, jemanden zu töten? So hätten beide bekommen, was sie wollten. Nun, das war jetzt nicht mehr so wichtig. Irgendwann schaffte der Mann es dann noch, wieder aufzustehen. Er entfernte den Bast von seinem Hals und nahm dann das bunte Blatt wieder in seine Hand. Er blickte darauf und dann wieder auf zu mir. Wieder hatte ich das Gefühl, er sähe mich direkt an. "Danke" sagte er. Ich habe oft Menschen sprechen hören, aber nie habe ich ihre Sprache verstanden. Diesmal jedoch war es anders. Zum allerersten Mal gewann ein Menschenwort Bedeutung für mich. Er hatte "danke" gesagt! Wieso eigentlich? Ich war ihm keine große Hilfe gewesen in seinem Bestreben zu sterben und ich konnte ihm auch jetzt nicht mehr helfen, denn mein nächster Ast war wohl viel zu hoch für ihn. Als ich wieder nach ihm sehen wollte, war ich überrascht: Er war nicht mehr da! Ich sah ihn noch von hinten, wie er wieder fortging, auf den Horizont zu, wie damals die vielen Leute nach dem Begräbnis. Nur war da mittlerweile ein Wald entstanden, ein Wald der Menschen, mit Bäumen wie Felsen und Berge. Zumindest sah das aus der Ferne so aus. Auf diesen Wald ging der junge Mensch nun zu und ich sah ihn nie wieder.
Dieser Wald... Er war gewachsen im Laufe der Zeit und kurze Zeit, nachdem mich dann der Splitter getroffen hatte, war er eines Nachts abgebrannt. Es war kein Sturm und es gab auch keinen Wind, aber trotzdem gab es Blitze, so viele, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Und auf die Blitze folgten die Feuer. Sie brannten die ganze Nacht und am folgenden Tag. Und als ich ihn wieder sehen konnte, da standen seine Bäume noch, jedenfalls die meisten, aber sie waren schwarz. Ob ich wohl auch so schwarz sein werde, wenn mich das Feuer erst einmal verbrannt hat? Ich habe mich noch nie selbst gesehen und ich werde mich auch nicht sehen, wenn ich verbrannt sein werde und tot. Aber Feuer ist Feuer, ich werde bestimmt auch so schwarz sein wie die Menschenbäume von damals. Aber ich habe immer noch Hoffnung: vielleicht erhole ich mich wieder, genauso wie dieser Wald der Menschen: Kaum war er abgebrannt, da war er schon wieder nachgewachsen. In kürzester Zeit standen die Steinbäume wieder in ihrer vollen Pracht. Ich habe gehört, dass unsere Baumkinder nach einem Feuer besonders gut wachsen und gedeihen. Ich glaube, ich muss meine Ansicht über das Feuer überdenken. Schade, dass ich dazu nicht mehr kommen werde... Nun ja, jedenfalls steht der Menschenwald heute wieder. Nur sind seine Bäume größer und höher als früher und er scheint gewandert zu sein: Er steht mir sehr viel näher als noch vor kurzer Zeit. Er ist sogar schon so nahe, dass ich sehen kann, wie die Menschen in ihm leben. Ich sehe, wie sie sich bewegen in ihren Fahrzeugen, ich sehe, wie sie die Steinbäume bewohnen, wie einst der Specht mich. Der Wald ist ziemlich laut, aber sie scheinen sich trotzdem wohl zu fühlen. Auch ich habe mich mittlerweile daran gewöhnt. Zuweilen klingt der Lärm der Stadt wie das Rauschen des Windes. Manchmal sehe ich auch grüne Flecken zwischen ihren Bäumen, aber es sind nur einige Sträucher, und Gras. Was ich nur nicht verstehe, ist, dass dieser Wald jede Nacht brennt: Nacht für Nacht, an vielen Stellen, auch dann, wenn es regnet. Doch jeden Morgen steht er wieder da, so wie am Tag zuvor. Ich glaube, sie und das Feuer sind Freunde, vielleicht beherrschen sie es auch, jedenfalls scheinen sie es zu nutzen... Aber natürlich! Damals trugen sie auch das Feuer in ihren Händen und sie ließen es auch knallen und Feuer entstehen! Vielleicht...?!? Nein, wie soll ich mich ihnen denn verständlich machen? Sie sind immer noch das Eifrige Volk von einst, nur denke ich, dass sie noch viel hastiger geworden sind. Außerdem würde es zu lange dauern ihnen zu vermitteln, dass ich das Feuer nicht so meistern kann wie sie. Nun ja, so ist das nun einmal. Ich finde es nur sehr schade, dass hier kein weiterer Baum ist. Vielleicht ist das aber auch besser so, denn ich könnte den anderen ja auch gefährden. Wenn wenigstens irgend jemand hier wäre! Auch die Fliegenden haben mich bereits verlassen, ihre Häuser in meinem Geäst sind leer. Ein Mensch ist auch nicht hier, das wäre doch wenigstens etwas gewesen...
Sie kommen manchmal zu mir, immer zu zweit, meist im Frühling und kurz danach. Sie rasten zu meinen Wurzeln, über dem alten Grab und ich hatte überlegt, ob ich das denn dulden wollte. Zu tief steckt der Splitter von einst, als das ich ihn vergessen könnte... Aber ich habe mich entschieden: So konnte ich meine Schuld an den jungen Mann, dem ich nicht habe sterben helfen können, wiedergutmachen. Also habe ich immer dann, wenn sie zu mir kamen, meine Äste über sie ausgebreitet und ihnen Schatten gespendet. Ich weiß, dass sie manchmal Schatten brauchen, obwohl sie so sehr von Feuer und Licht umgeben sind; vielleicht aber auch genau deshalb. Immer zu zweit kamen sie, immer zu zweit, sie rasteten zu meinen Wurzeln und sprachen leise miteinander, immer ein junger Mann und eine junge Frau. Manche blieben lange, manche nicht, manche kamen öfter. Ich habe ein wenig von ihrer Sprache gelernt in dieser Zeit und weiß jetzt, dass sie einander sehr brauchen. Ich verstehe jetzt auch, wieso die Frau damals geweint hat - weinen nennen sie es, wenn sie aus den Augen regnen lassen - und wieso sie mit ihren Mund den des Toten im Grab berührt hat, bevor sie es mit Erde zugeschüttet hatten. Und ich denke ich weiß, wieso der junge Mann meinte, sterben zu wollen. Nur verstehe ich nicht, wieso er sich nicht anderen Menschen angeschlossen hat, wo es doch so viele von ihnen gibt... Aber ich respektiere seine Entscheidung, obwohl ich sie nicht billigen kann. Es wäre wider meiner Natur, so etwas auch nur annähernd zu erwägen. Aber solche Gedanken erübrigen sich ja, denn ich brenne. Mein Kern liegt schon so gut wie frei, es wird wohl nicht mehr lange dauern. Vielleicht werde später junge Schösslinge auf meinen Überresten wachsen und sich prächtig emporrecken. Aber woher sollen sie denn kommen? Ich weiß doch nicht einmal, ob es noch andere Bäume gibt...
Ich fühle das Feuer jetzt mehr als zuvor, es frisst an mir, ich will nicht, warum, was habe ich nur getan um das zu verd... nein!, noch nicht, ich.......
EPILOG
Außerhalb der Stadt, auf einem Hügel, da steht ein mächtiger Baumstumpf. Er misst mehr als zwei Meter und lässt ahnen, welch' Baum da einst stand, denn er ist breiter als hoch. Auf dem ganzen Hügel verteilt, wächst eine junge Baumschule zu einem prächtigen Hain heran, sorgsam von Menschenhand gepflegt. Der alte Trampelpfad ist jetzt ein gepflasterter Weg aus mehrfarbigen, behauenen Steinen. Um den Stumpf herum, in respektvollem Abstand, stehen einige Bänke. An der Seite des Stumpfes ist eine Tafel angebracht. Auf der Tafel steht:
HIER STAND EINST EIN MÄCHTIGER BAUM: TAUSEND JAHRE WAR ER FAST ALT; WIE UNS SEINE RINGE BELEGEN: ER HAT MEHR GESEHEN ALS JEDER MENSCH; MEHR ERLEBT ALS WIR ALLE. ER STAND SCHON HIER; ALS ES UNSERE SCHÖNE STADT NOCH NICHT GAB; ER HAT IHRE ENTSTEHUNG ERLEBT UND IHRE BOMBARDIERUNG IM KRIEG. UND IHREN WIEDERAUFBAU: DURCH ALL DIESE ZEITEN HAT ER UNS BEGLEITET.
GAR MANCHES PAAR HAT SEIN HERZ FÜREINANDER ENTDECKT IN SEINEM SCHATTEN. EIN SYMBOL WAR ER UNS FÜR RUHE UND STÄRKE; ER WIDERSTAND JEDEM STURM. VOR DREI JAHREN STARB ER; VOM FEUER VERZEHRT.
IHM ZUM GEDENKEN ENTSTAND DIESER ORT.
DIE BÜRGER DIESER STADT
Adrian Müller / Aaron Caelis www.caelis.de
zurück zur Auswahl

Die Geschichte vom Traum
Ich hatte etwas geträumt. Einen schönen, netten Traum.
Doch: Kurz vor dem Aufwachen wurde eine der lieben Traumfiguren plötzlich panisch. Sie hatte irrsinnige Angst zu sterben. Sagte zu mir, ich darf nicht aufwachen, weil sonst stirbt sie ja. Wahnsinnig geworden.
Sterben? Meine Traumfigur? Glaubte plötzlich selbst zu sein?
Identifizierte sich mit sich selbst.
Was tun?
Normalerweise denke ich mir, sie ist nicht ganz bei Sinnen und wache einfach auf. Ist ja auch verrückt! Aber: Sie hatte mich bereits gefangen. Ich begann ihr zu erklären, dass es nur ein Traum, MEIN Traum, ist. Dass das alles ein Unsinn ist. Sie begann zu weinen.
Was tun?
Immerhin, im Traum hatte ich sie geliebt und ich erinnerte mich noch der Gefühle. Wollte ihr nicht wehtun. Tja, hab plötzlich wieder vergessen, dass es ein Traum ist. War genauso verrückt wie sie. Identifiziert mit meinem Traumkörper.
Beide saßen wir zusammen, voller Angst aufzuwachen. Und ich vergaß, dass nur ich aufwachen kann.
Na gut, ich musste sie "heilen". Alle Traumfiguren sind "normal" und kümmern sich nicht ums Traum-Sterben. Aber sie war verrückt.
Also holte ich viele Therapeuten, um sie wieder zu einer normal funktionierenden Traumfigur zu machen. Alles mögliche. Auch viel "Atmen" wegen der Emotionen. Nehmt ihr diese blödsinnige Identität! Ich vertraute den Therapeuten. Und wieder konnte ich nicht aufwachen. "Zuerst muss sie geheilt sein, ich liebe euch alle ja so...".
Irgendwann erzählte ich jemandem, dass das so paradox ist und ich aufwachen möchte. Plötzlich kamen alle über mich und wollten MICH heilen...
Da waren die Therapeuten, die wollten, dass ich wieder eine normal funktionierende Traumfigur bin.
Dann natürlich die Idioten, die meinten, ich solle brav arbeiten, Kinder bekommen usw. Die waren ohnehin nur zu ignorieren. Sie erzählten, wenn ich im Traum "gut" sei, würde ich "besser aufwachen", "woanders". Hab ich nicht kapiert!
Dann waren da die Philosophen, die begannen darüber nachzudenken, ob das jetzt ein Traum ist oder nicht. Und ob es ein Leben nach dem Aufwachen gäbe. Und ob man mir überhaupt erlauben könnte aufzuwachen.
Manche hatten Kulte, Religionen, und meinten, wenn ich nur fest daran glaube, was irgendjemand einmal sagte, dann werde ich sicher super aufwachen. Wenn ich es aber nicht glaube, muss ich nach dem Aufwachen gleich wieder einschlafen und weiterträumen, sehe dann aber anders aus.
Andere meinten, ich soll vergessen, dass es "mein Traum" ist, nein, es wäre der Traum von wem anderen, der soll "Gott" heißen, und wenn ich das nicht glaube, werde ich an einem ganz schlimmen Ort aufwachen. Ich sagte ihnen, "Ich kann ja nur dort aufwachen, wo ich einschlafe, oder nicht?", aber mit denen konnte man gar nicht reden, wie Roboter haben sie immer wieder das Gleiche gesagt. Nach einer Weile ignorierte ich sie...
Und die Wissenschaftler! Die wollten exakt untersuchen, welchen Gesetzen diese Traumwelt unterliegt. Denn, wie im Traum üblich, gab es einige Merkwürdigkeiten. Sie fragten dauernd nur "warum? Warum?". Ich hab mir meinen Traum kreiert und die wollten ihn in alle Einzelteile zerlegt wissen.
Manchmal kamen auch ein paar Verrückte - ja, alle waren plötzlich so verrückt - und meinten, mir helfen zu können. "Lehrer". Sie meinten, zu "wissen", wie ich aufwachen kann. Ich sollte merkwürdige Körperübungen machen. Yoga oder Tai Chi. Dann würde ich sicherlich aufwachen!
Wieder andere meinten, vor dem Aufwachen müsste mein Traumkörper erst voll "gesund" werden, und stachen Nadeln in mich rein. Sie haben gesagt, zum Aufwachen muss man die richtige "Balance" haben, sonst geht's nicht. Und ohne starkes "Hara" gibt's ohnehin kein Aufwachen. Ich glaubte ihnen und begann zu üben und zu üben.
Irgendwann war die Natur wieder stärker, mein echter Körper war ja längst ausgeschlafen. Und ich war wieder kurz vor dem Aufwachen. Habe den Wahnsinn wieder durchschaut und alle Übungen beendet.
Doch kurz zuvor kamen wieder neue Wesen und erregten meine Aufmerksamkeit. Und zwar solche, die von sich behaupteten, aufgewacht zu sein. Sie nannten sich "erleuchtet". Und viele andere glaubten ihnen. Sie kamen zu mir und sagten: "Es gibt nix zu tun, gib dich einfach deinem Traum hin."
Sie sagten, ich soll weiterträumen, aber einfach "bewusst". Wissend, dass es ein Traum ist.
Sie sagten, sie wären "erwacht". Ich verstand nicht ganz. Erwacht? Von MEINEM Traum? War sehr verwirrt.
Das waren jene, die mich verwirrten!! Waren sie Besucher von einem anderen Traum?
Waren sie Teil meines Traumes oder separat?
Und wieder rauchte mir der Kopf und ich konnte nicht aufwachen. Dieses Rätsel galt es zu lösen!
Mein echter Körper begann in der Zwischenzeit zu rebellieren. Ich spürte ihn "durch", mein Traumkörper begann oft zu vibrieren, und da waren ja die so genannten "Tantriker", die meinten, ich solle das alles genießen. Chakren, Kundalini, Energie und so. Immer noch besser als die, die einfach meinten, ich wäre "nervös".
Tja, und wirklich, es gelang mir, meinen Traumkörper mit meinem echten Körper zu verbinden. "Echtes Yoga" halt. Stundenlange Glückseligkeit und Orgasmen. Der Traum erhielt eine andere Qualität. Unabhängig von außen, vom Traum selbst.
Aber: wie weiter?
Mit der Zeit verschwanden alle wieder und ich war allein. Allein mit meiner Glückseligkeit, verbunden mit meinem echten Körper (andere nannten mein echtes "Ich" gerne "Existenz", klar, war ja alles, was in diesem Traum existierte. Ohne mein echtes "Ich" kein Traum, kein Traum-Ich, keine Traumwelt, keine Traum-Figuren).
Mal kamen Propheten, die meinten, in meine Traumzukunft sehen zu können. Die meinten zu wissen, wann ich aufwache, wann alle aufwachen. Ziemlich gestörte Leute.
Ich hab' all diese Leute als "verrückt" angesehen und nicht erkannt, dass ich ja selbst verrückt bin, weil ich glaubte, von ihnen getrennt zu sein, weil ich mich - durch sie - selbst bewertet, identifiziert habe.
Und vergaß, dass es nur ein Traum ist.
Und vergaß, wer ich wirklich bin.
Alle haben mich so verrückt gemacht, dass ich selbst verrückt wurde und nicht mehr wusste, was nach dem Aufwachen ist. Angst vor dem total Unbekannten.
Wissend, es ist ein Traum. Wenn es nicht "echt" ist, wie sollte ich genießen? Gefangen im Traum, in der Illusion. Auf ewig?
Was tun, als Traumbewohner?
Da kamen plötzlich andere, und begannen mir zu "glauben". Dass ich "erwacht" sei. Die haben mich total missverstanden, wollten "wissen", wie man "aufwacht". Aus MEINEM Traum? Pervers.
Gefahr! Sie nennen mich vielleicht "erleuchtet" und ich kann weder in Ruhe weiterträumen, noch aufwachen?!
Sollte ich jetzt in meinem Traum plötzlich herumlaufen, und anderen erzählen, dass ich nur träume? Total verrückt!
Wieder identifiziert? Den "Meister" spielen? Und plötzlich selbst daran glauben, dass die anderen aus MEINEM Traum aufwachen könnten? Wozu?
Was tun? Überhaupt etwas tun?
Woher der Wahn, zu glauben, ich müsste erst alle vom "Traum" überzeugen, um selbst wieder "heimkehren" zu können? Die Illusion, eine "Aufgabe" im Traum zu haben? So ein Quatsch!
Wie lange kann so ein Traum dauern? Gab es den Traum schon vor mir? Wird der Traum nach dem vollständigen Erwachen weitergehen? Und: Bin ich nicht längst schon voll erwacht?
Ich hab' etwas geträumt. Ein schöner, netter Traum.
Doch: Kurz vor dem Aufwachen wurde eine der lieben Traumfiguren plötzlich panisch.
Ich muss wohl verrückt geworden sein.
Edgar Hofer www.owk-satsang.de
zurück zur Auswahl

Abschied
Freddie liebte es, ein Blatt zu sein. Er liebte seinen Ast, seine blättrigen Freunde, seinen Platz hoch im Himmel, den Wind, der ihn herumwirbelte, und die Sonnenstrahlen, die ihn wärmten. Freddie war von Hunderten anderer Blätter umgeben. Sie waren alle zusammen aufgewachsen. Sie hatten gelernt, in den Frühlingswinden zu tanzen, faul in der Sommersonne zu liegen und von kühlendem Regen gewaschen zu werden. Daniel war Freddies bester Freund. Es kam Freddie so vor, als sei Daniel der klügste von ihnen.
Eines Tages ereignete sich etwas sehr seltsames. Derselbe Wind, der sie hatte tanzen lassen, zerrte und zog nun an ihnen, als ob er ärgerlich wäre. Allen Blättern wurde Angst und Bange. "Was ist los?" fragten sie sich im Flüsterton.
"Das passiert im Herbst", erzählte Daniel. "Für die Blätter ist es Zeit, ihr Zuhause zu wechseln. Einige Menschen nennen das <sterben>." - "Müssen wir alle sterben?" fragte Freddie. "Ja", antwortete Daniel. "Wir erledigen zuerst unsere Aufgabe. Wir erleben die Sonne und den Mond, den Wind und den Regen. Wir lernen zu tanzen und zu lachen und dann sterben wir."
"Ich will nicht sterben", sagte Freddie mit fester Stimme. "Willst du sterben, Daniel?" "Ja, wenn meine Zeit gekommen ist", antwortet Daniel. "Wann ist das?" fragte Freddie. "Niemand weiß das mit Sicherheit", antwortete Daniel. "Ich habe Angst zu sterben" sagte Freddie zu Daniel. "Ich weiß nicht, wie es da unten ist." - "Wir alle fürchten, was wir nicht kennen. Das ist normal ", versicherte ihm Daniel. "Du hattest auch keine Angst, als der Frühling zum Sommer und der Sommer zum Herbst wurde. Das waren normale Veränderungen. Warum solltest du vor der Jahreszeit Angst haben, in der du stirbst?" - "Stirbt der Baum auch?" fragte Freddie. "Eines Tages. Aber es gibt etwas Stärkeres als den Baum: das Leben. Das währt immer." - "Wohin gehen wir, wenn wir sterben?" "Niemand weiß das mit Sicherheit. Das ist ein großes Geheimnis." - "Werden wir im Frühling zurückkehren?" "Wir nicht, aber das Leben." - "Was hat das alles dann für einen Sinn?" fragte Freddie. "Warum sind wir überhaupt zum Leben erwacht, wenn wir sterben müssen?" Daniel antwortete darauf auf seine sachliche Art: "Wegen der Sonne und dem Mond. Wegen der schönen Zeit, die wir zusammen verbracht haben. Wegen dem Schatten, den alten Menschen und den Kindern. Wegen der Farben im Herbst. Ist das nicht genug?" An diesem Nachmittag fiel Daniel herab. Er fiel mühelos. Er schien friedlich zu lächeln, während er fiel. "Auf Wiedersehen, Freddie", sagte er.
Leo Buscaglia
zurück zur Auswahl

Die Geschichte von der traurigen Traurigkeit
Als die glutrote Sonne am Horizont dem Tag langsam entschwinden wollte, ging eine kleine zerbrechlich wirkende Frau einen staubigen Feldweg entlang. Sie war wohl schon recht alt, doch ihr Gang war leicht und ihr Lächeln hatte den frischen Glanz eines unbekümmerten Mädchens. Fast am Ende dieses Weges, saß eine zusammengekauerte Gestalt, die regungslos auf den trockenen, ausgedörrten Sandboden hinunter starrte. Man konnte nicht viel erkennen, das Wesen das dort im Staub des Weges saß, schien beinahe körperlos zu sein. Es erinnerte an eine graue aber weiche Flanelldecke mit menschlichen Konturen. Als die kleine zerbrechlich wirkende Frau an diesem Wesen vorbeikam, bückte sie sich ein wenig und fragte: "Wer bist du?" Zwei fast regungslose Augen blickten müde auf. "Ich? Ich bin die Traurigkeit." flüsterte die Stimme stockend und so leise, dass man sie kaum zu hören vermochte.
"Ach, die Traurigkeit !" rief die kleine Frau erfreut, als würde sie eine alte Bekannte begrüßen.
"Du kennst mich?" fragte die Traurigkeit vorsichtig? "Aber ja, natürlich kenne ich dich! Immer wieder einmal hast Du mich ein Stück meines Weges begleitet."
"Ja, aber ...", argwöhnte die Traurigkeit, "warum flüchtest du dann nicht und nimmst reiß aus? Hast du denn keine Angst vor mir ?"
"Warum sollte ich vor dir davonlaufen ? Du weißt doch selbst nur zu gut, dass du jeden Flüchtigen einholst. Man kann dir nicht entkommen. Aber, was ich dich fragen möchte: Warum siehst du so betrübt und mutlos aus ?"
"Ich ... ich bin traurig", antwortete die graue Gestalt mit klangloser Stimme. Die kleine, alte Frau setzte sich zu ihr.
"Traurig bist Du also", sagte sie und nickte verständnisvoll mit dem Kopf. "Erzähl mir doch, was dich so sehr bedrückt."
Und die Traurigkeit seufzte tief. Sollte ihr diesmal wirklich jemand zuhören? Wie oft hatte sie sich das schon gewünscht.
"Ach, weißt du", begann die Traurigkeit zögernd, "es ist so, dass mich einfach niemand mag. Niemand will mich. Dabei ist es doch nun mal meine Bestimmung unter die Menschen zu gehen und für eine gewisse Zeit bei ihnen zu verweilen. Aber jedesmal wenn ich zu ihnen komme, schrecken sie zurück. Sie fürchten sich vor mir und meiden mich."
Die Traurigkeit schluckte schwer. "Sie haben Sätze erfunden, mit denen sie mich verstoßen wollen. Sie sagen: Ach was, das Leben ist heiter und fangen an zu Lachen. Aber ihr falsches erzwungenes Lachen führt zu Magenkrämpfen. Sie sagen: Gelobt sei, was hart macht. Und dann bekommen sie Herzschmerzen. Sie sagen: Man muss sich zusammenreißen. Und sie spüren das Reißen in den Schultern und im Rücken, im ganzen Körper. Verkrampft sind sie. Sie drücken die Tränen tief hinunter und haben Atemnot. Sie sagen: Nur Schwächlinge weinen. Dabei sprengen die aufgestauten Tränen fast ihre Köpfe. Manchmal können sie dadurch nicht mal mehr Sprechen. Oder aber sie betäuben sich mit Alkohol und Drogen, damit sie nicht fühlen müssen."
Die Traurigkeit sank noch ein wenig mehr in sich zusammen. "Und dabei will ich den Menschen doch nichts Böses, ich will ihnen doch nur helfen. Denn wenn ich ganz nah bei ihnen bin, können sie sich selbst begegnen. Ich helfe ihnen ein Nest zu bauen, um ihre Wunden zu pflegen und zu heilen. Weißt du, wer traurig ist, hat eine besonders dünne Haut, und manches Leid bricht dadurch immer wieder auf, wie eine schlecht verheilte Wunde, und das tut sehr weh. Aber nur wer mich zu sich läßt und all die ungeweinten Tränen weint, kann seine Wunden erst wirklich heilen. Doch die Menschen wollen gar nicht, dass ich Ihnen dabei helfe. Statt dessen schminken sie sich ein grellen Lachen über ihre Narben. Oder sie legen sich einen dicken Panzer aus Bitterkeit und ewiger Enttäuschung zu. Ich glaube, sie haben einfach nur unbändige Angst zu weinen und mich zu spüren. Deshalb verjagen sie mich immer wieder."
Dann schwieg die Traurigkeit. Ihr Weinen war erst schwach, dann stärker und schließlich ganz innig und verzweifelt und die vielen kleinen Tränen tränkten den staubigen, ausgedörrten Sandboden. Die kleine, alte Frau nahm die zusammengesunkenen Gestalt tröstend in die Arme. Wie weich und sanft sie sich anfühlt, dachte sie und streichelte das zitternde Bündel. "Weine nur, kleine Traurigkeit", flüsterte sie liebevoll, "ruh dich aus, damit du wieder Kraft sammeln kannst. Du sollst nicht mehr alleine wandern. Ich werde auch dich von nun an begleiten, damit die Mutlosigkeit nicht noch mehr Macht gewinnt."
Die Traurigkeit hörte zu weinen auf. Sie sah zu ihrer neuen Gefährtin auf und betrachtete sie erstaunt: "Aber ... aber, wer bist du eigentlich ?" "Ich ...", sagte die kleine und zerbrechlich wirkende Frau und lächelte dabei wieder so unbekümmert wie ein kleines Mädchen, " ... bin die Hoffnung!
Copyright M.Schumann
zurück zur Auswahl
|