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Achte gut auf diesen Tag

Achte gut auf diesen Tag, denn er ist das Leben –
das Leben allen Lebens.
In seinem kurzen Ablauf liegt alle Wirklichkeit und Wahrheit des Daseins,
die Wonne des Wachsens, die Herrlichkeit der Kraft.
Denn das Gestern ist nichts als ein Traum
und das Morgen nur eine Vision.
Das Heute jedoch – recht gelebt –
macht jedes Gestern zu einem Traum voller Glück
und das Morgen zu einer Vision voller Hoffnung.
Darum achte gut auf diesen Tag.

aus dem Sanskrit

Nicht wir

Es sind nicht wir, die einen Zustand erreichen.
Es ist der Zustand, der uns erreicht.

Es sind nicht wir, die Stille erschaffen.
Es ist die Stille, die uns durchdringt.

Lasst es uns erlauben, dass die Freiheit uns wieder auffrischt,
sie in uns eindringt, in uns Platz nimmt für einige Momente,
uns verlässt, zu uns zurückkommt…

Dies ist das Schwierigste zu erreichen:
die Akzeptanz der Freiheit der Bewegung,
der Kreativität des Lebens –
zu verstehen, dass ein unveränderlicher Zustand,
so wundervoll er auch sein mag,
mit dem Leben nicht vereinbar ist.

Daniel Odier

Erfolg

„Es hat derjenige Erfolg erzielt, der gut gelebt hat, oft lachte und viel geliebt hat.
Der sich den Respekt von intelligenten Menschen verdiente und die Liebe von kleinen Kindern; der eine Lücke gefunden hat, und der seine Aufgabe erfüllte; ob entweder durch schöne Blumen, die er züchtete, ein vollendetes Gedicht oder eine gerettete Seele; dem es nie an Dankbarkeit fehlte und der die Schönheit unserer Erde zu schätzen wusste, und der nie versäumte, dies auszudrücken; der immer das Beste gab, dessen Leben eine Inspiration war und die Erinnerung an ihn ein Segen.“

Bessie A. Stanley

Entwicklung

Man muss den Dingen
Die eigene, stille, 
ungestörte Entwicklung lassen,
’die tief von innen kommt,
und durch nichts gedrängt 
oder beschleunigt werden kann;

alles ist austragen – 
und dann 
Gebären…
Reifen wie der Baum, der seine Säfte nicht drängt
und getrost in den Stürmen 
des Frühlings steht,
ohne Angst, 
dass dahinter kein Sommer 
kommen könnte.

Er kommt doch!

Aber er kommt nur zu den Geduldigen,
die da sind, 
als ob die Ewigkeit vor ihnen läge,
so sorglos still und weit …

Man muss Geduld haben, 
gegen das Ungelöste im Herzen,
und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben,
wie verschlossene Stuben, 
und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache 
geschrieben sind.

Es handelt sich darum, alles zu leben.
Wenn man die Fragen lebt,
lebt man vielleicht allmählich,
ohne es zu merken,
eines fremden Tages 
in die Antwort hinein.

Rainer Maria Rilke

Tod und Liebe

Nur der Tod und die Liebe
ändern die Dinge
darum such´ ich das Ende
allen Wissens
die Stille inmitten des Lärmes
die Leere in aller Fülle
den Abschied von aller Gewohnheit
und sterbe
hinein ins Fühlen von dem
was die Liebe ist

Daniéle Nicolet Widmer

Stufen

Wie jede Blüte welkt
und jede Jugend dem Alter weicht,
blüht jede Lebensstufe,
blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.

Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
in and’re, neue Bindungen zu geben.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
der uns beschützt und der uns hilft zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
an keinem wie an einer Heimat hängen,
der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten!

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise

und traulich eingewohnt, 
so droht Erschlaffen!

Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
mag lähmender Gewohnheit sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
uns neuen Räumen jung entgegen senden:

des Lebens Ruf an uns wird niemals enden.

Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Hermann Hesse

Gedanken zum Alter

O Herr, bewahre mich vor der Einbildung,
bei jeder Gelegenheit und zu jedem Thema 
etwas sagen zu müssen.

Erlöse mich von der großen Leidenschaft,
die Angelegenheiten anderer ordnen zu wollen.

Lehre mich, nachdenklich (aber nicht grüblerisch),
hilfreich (aber nicht diktatorisch) zu sein.

Bewahre mich vor der Aufzählung endloser 
Einzelheiten und verleihe mir Schwingen, 
zur Pointe zu gelangen.

Lehre mich schweigen über meine Krankheiten 
Und Beschwerden. Sie nehmen zu, 
und die Lust, sie zu 
beschreiben, wächst von Jahr zu Jahr.

Ich wage nicht, die Gabe zu erflehen, 
mir die Krankheitsschilderungen anderer 
mit Freude anzuhören, aber lehre mich, 
sie geduldig zu ertragen.

Lehre mich die wunderbare Weisheit, 
dass ich mich irren kann.

Erhalte mich so liebenswert wie möglich.

Lehre mich, an anderen Menschen unerwartete 
Talente zu entdecken, und verleihe mir o Herr, 
die schöne Gabe, sie auch zu erwähnen.

Teresa von Avila

Alles hat seine Zeit

Alles hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit; weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit; Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit; herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit; suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit; zerreißen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit; schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit; lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit; Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit.

Prediger 3,1-8

Wenn man liebt …

… Wenn man jemanden liebt, so liebt man ihn nicht die ganze Zeit, nicht Stunde um Stunde auf die ganz gleiche Weise. Das ist unmöglich. Es wäre sogar eine Lüge, wollte man diesen Eindruck erwecken. Und doch ist es genau das, was die meisten fordern. Wir haben so wenig Vertrauen in die Gezeiten des Lebens, der Liebe, der Beziehungen. Wir jubeln der steigenden Flut entgegen und wehren uns erschrocken gegen die Ebbe. Wir haben Angst, die Flut würde nie zurückkehren. Wir verlangen Beständigkeit, Haltbarkeit und Fortdauer; und die einzig mögliche Fortdauer des Lebens wie der Liebe liegt im Wachstum, im täglichen Auf und Ab – in der Freiheit; einer Freiheit im Sinne von Tänzern, die sich kaum berühren und doch Partner in der gleichen Bewegung sind. …

Anne Morrow Lindbergh,
aus „Muscheln in meiner Hand“