Archiv der Kategorie: Texte, Gedichte und Gebete

Texte, Gedichte und Gebete:
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Rezept

Jage die Ängste fort. 
Und die Angst vor den Ängsten. 
Für die paar Jahre 
Wird wohl alles noch reichen. 
Das Brot im Kasten 
Und der Anzug im Schrank.

Sage nicht mein. 
Es ist dir alles geliehen. 
Lebe auf Zeit und sieh, 
Wie wenig du brauchst. 
Richte dich ein. 
Und halte den Koffer bereit.

Es ist wahr, was sie sagen:
Was kommen muss, kommt. 
Geh dem Leid nicht entgegen. 
Und ist es da, 
sieh ihm still ins Gesicht. 
Es ist vergänglich wie Glück.

Erwarte nichts. 
Und hüte besorgt dein Geheimnis. 
Auch der Bruder verrät, 
Geht es um dich oder ihn. 
Den eignen Schatten nimm 
Zum Weggefährten.

Feg deine Stube wohl. 
Und tausche den Gruß mit dem Nachbarn. 
Flicke heiter den Zaun 
Und auch die Glocke am Tor. 
Die Wunde in dir halte wach 
Unter dem Dach im Einstweilen.

Zerreiß deine Pläne.
Sei klug Und halte dich an Wunder. 
Sie sind lang schon verzeichnet 
Im großen Plan. 
Jage die Ängste fort 
Und die Angst vor den Ängsten.

Mascha Kaleko

Ninas Traum

Einst, als die Erde noch jung und nur Wüste war, war ich mir meiner nicht bewußt. Ich saß im Sand, doch ich erkannte mich selbst nicht. Ich war ein Körper ebenso wie die Abermillionen anderen Sandkörner.

Die Zeit verging und plötzlich bemerkte ich etwas Grünes, ganz Zartes, dass zwischen den Sandkörnern hervorlugte. Meine Neugier über dieses Wunder erwachte und so erkannte ich, dass ich anders war. Kein Sandkorn und auch nicht die grüne zarte Pflanze, die sich ihren Weg durch den Boden bahnte. Ich wunderte mich und beobachtete, wie die Pflanze wuchs und war ganz in mir.

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Jeder Mensch ist ein Künstler

Lass Dich fallen.
Lerne Schlangen zu beobachten.
Pflanze unmögliche Gärten.
Lade jemand Gefährlichen zum Tee ein.
Mache kleine Zeichen, die „ja“ sagen
und verteile sie überall in Deinem Haus.

Werde ein Freund von Freiheit und Unsicherheit.
Freue Dich auf Träume.
Weine bei Kinofilmen,
schaukle so hoch Du kannst mit einer Schaukel bei Mondlicht.

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Du musst das Leben nicht verstehen

Du musst das Leben nicht verstehen,
dann wird es werden wie ein Fest.
Und lass dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen von jedem Wehen
sich viele Blüten schenken lässt.

Sie aufzusammeln und zu sparen,
das kommt dem Kind nicht in den Sinn.
Es löst sie leise aus den Haaren,
drin sie so gern gefangen waren,
und hält den lieben jungen Jahren
nach neuen seine Hände hin.

Rainer Maria Rilke

Danken heißt

sich an das erinnern,
was andere für dich taten.Es gab Arme, die dich trugen,
bevor du laufen konntest.
Es gab eine Hand, die dich streichelte,einen Mund, der dich küsste,
ein Brot, das für dich gebacken wurde.

Der Dankbare zeigt,
dass sein Herz ein gutes Gedächtnis hat.
Menschen waren gut zu mir.
Sie sorgten für mich, als ich klein war.

Sie begleiteten mich,
als ich größer wurde.
Sie machten mir Mut,
als es mir schlecht ging.
Sie waren froh,
weil ich froh war.
Mein Herz vergisst das nicht.
Das Gedächtnis des Herzens
heißt Dankbarkeit.

Phil Bosmans, (*1922)