Eine Baumgeschichte

Ich brenne. Feuer erweckte mich zum Leben, Feuer nimmt es mir wieder. Andere Bäume haben mir erzählt, dass das Feuer mich, als ich noch eine Samenkapsel war, zum Keimen brachte. Das Feuer vernichte altes Leben, um neues Leben zu ermöglichen, sagten sie. Auch ich war damals junges Leben, aber ich erinnere mich nicht mehr daran.
Heute bin ich alt. Sehr alt sogar, vielleicht uralt, vielleicht älter; ich weiß es nicht mehr so genau. Ich sah junges Leben sprießen im Überfluss, rings um mich herum, auf allen Seiten. Aber heute ist es nicht mehr. Es war so zart und doch so kraftvoll, sich energisch der Sonne entgegenreckend, der großen Lebensgeberin. Doch nun bin nur noch ich hier. Ich weiß nicht, ob es richtig ist, dass das junge Leben verging und ich nicht, wo es doch so viel jünger war als ich und ich doch so alt bin. Aber vielleicht wurden die Regeln geändert, das weiß ich nicht. Nicht, dass es für mich so wichtig gewesen wäre, das zu wissen, aber ich hätte es zumindest gerne erfahren. Aber es ist niemand mehr da, der es mir sagen könnte. Ich habe lange keinen Baum mehr gesehen, ich habe seit vielen Jahren nicht mehr mit einem gesprochen. Das ist alles schon lange her, aber das ist nun einmal so. Ich weiß gar nicht, ob es überhaupt noch Bäume gibt, außer mir. Vielleicht bin ich nicht nur der Letzte meiner Art, vielleicht bin ich auch der letzte Baum überhaupt. Aber ich denke, das zu glauben wäre vermessen. Ich war immer bescheiden, so hat man es mir jedenfalls gesagt. Ob das aber jetzt noch etwas ausmacht? Ich bezweifle es.
Na ja, jedenfalls brenne ich. Ich denke, diesmal kommt kein Regen, wie damals beim Blitz. Oder damals, als das Eifrige Volk um mich herum kämpfte. Nein, diesmal kommt kein Regen. Ich habe mich selten geirrt mit dem Wetter, obwohl ich in den letzten paar Jahrhunderten etwas nachgelassen habe. Aber ich bin ja schon alt, das entschuldigt mich vielleicht ein wenig. Vielleicht kommt dann doch Regen?! Hmm, nein, heute Nacht nicht. Vielleicht morgen Nacht, aber dann ist es nicht mehr wichtig, zumindest nicht für mich. Für das Eifrige Volk aber bestimmt. Alles Kurze, Schnelle, Hastige ist wichtig für sie; wie ein schneller Regenschauer. Ich verstehe das heute. Früher konnte ich das nicht begreifen und zwar lange Zeit nicht. Wir Bäume brauchen manchmal lange, bis wir etwas begreifen, aber das Gelernte vergessen wir dafür niemals. Und wir geben es weiter.
Wem werde ich es nun weitergeben?
Nun ja, aber schließlich habe ich diese Wesen verstanden: Sie werden nicht alt, sie leben nur kurz und versuchen, in dieser wenigen Zeit so viel zu tun, wie sie nur können. Vieles fangen sie an und lassen es dann liegen. Ich habe es gesehen, viele Male. Und auch gehört, aber das ist lange her… Sie laufen herum und machen Krieg. Sie leben und sterben, so wie die Jahreszeiten kommen. So wie wir eigentlich auch, aber so hektisch. Trotzdem scheinen sie sich zu behaupten unter der Sonne, vielleicht sogar besser als wir. Ich habe viele von ihnen gesehen, in der letzten Zeit.
Wir Bäume – ist es wirklich so, dass ich noch “wir” sagen kann? – haben sogar ihre Zeitgebung übernommen, die sie sich selbst von der Natur abgeguckt haben und auch ihren Namen, der da lautet “Menschen”. Sie machen vieles nach, diese Menschen, das habe ich gesehen. Dieses stinkende Ding, das sich so hastig bewegte, laut und röhrend, außen so hart wie eine Nuss, innen mit weichem Menschenkern. Und wie das Eichhörnchen die Nuss knackt, so haben auch andere diese zerbrochen. Sie haben es laut knallen lassen und dann war die Schale zerbrochen; und gebrannt hat es auch. Aber sie müssen das Knacken noch lernen, so wie das Eichhörnchen es macht. Es zerstört nämlich den Kern nicht. Und es verletzt keine Bäume, wenn man von seiner Räuberei einmal absieht.
Mich haben die Menschen aber verletzt: Als es so laut knallte, da splitterte die Schale von ihrem Gerät und einer der Splitter traf mich. Ich bin schon von Vielem getroffen worden: von Steinen und von Ästen, vom Regen und vom Schnee und vom Wind – gar manche Äste habe ich durch ihn verloren, aber meist nur die schwachen, abgestorbenen – all das hat mir nie viel ausgemacht. Nur der Blitz damals, der war schlimm. Und dieser Splitter war genauso schlimm: Er war hart, härter als alles, was ich bisher erlebt hatte, er war heiß wie Feuer und spitz wie ein Dorn. Ich erschrak, als er mich traf; nicht wie bei dem Blitz, denn den hatte ich erwartet, wie bei jedem Sturm. Tief drang der Splitter in mich ein, so tief wie die Höhlung eines Spechts. Heute noch trage ich ihn in mir, tief im Stamm verborgen, unter der Borke und manchmal denke ich noch an ihn. Ich habe versucht, mit den Menschen zu reden, aber sie waren schon fort oder tot, bevor ich dazu kam.

Einmal haben sie einen der Ihren zwischen meinen Wurzeln begraben, aber das ist schon viele Jahre her. Ich denke, er muss wichtig gewesen sein, denn es waren viele gekommen, um ihn zu begraben. Aber nur drei gruben ein Loch für ihn. Die anderen standen nur da. Manche schrieen, manche weinten, manche sagten gar nichts. Von meinem Hügel aus konnte ich sehen, dass da noch viel mehr Menschen waren, weiter entfernt und es war gut, dass sie weiter weg waren, denn sie trugen Feuer in ihren Händen. Es dauerte Stunden, bis sie fertig waren: Sie legten den Mann in eine Kiste aus Holz, gutes Holz einer alten Eiche. Ich sah, dass sie lange schon tot gewesen sein musste, ganz anders als der tote Mann.
Nun, die Kiste blieb offen, bis zuletzt, bevor sie sie mit Erde bedeckten. Doch vorher sprachen etliche Menschen, immer einer nach dem anderen. Der Schein des Feuers am Fuße meines Hügels leuchtete bis hinauf zu uns und die Menschen glänzten wie nasse Steine, aber nur die Männer. Auch die Stöcke in ihren Händen glänzten, ebenso der, den sie dem Toten mit in die Kiste legten. Sein Haar glänzte ebenfalls, aber in gelb und in rot und in grün und es war steif und hart, wahrscheinlich weil er tot war. Als sie ihn in die Kiste gelegt hatten, war es ihm heruntergefallen, aber sie haben es ihm wieder aufgesetzt. Irgendwann kam dann eine Frau und sprach, aber nicht wie die anderen, sondern leise, in das Grab hinein, so als wäre sie allein mit dem Toten. Ich denke, aber ich weiß es nicht mehr so genau, dass auch diese Frau geglänzt hat, aber mehr von innen heraus und danach aus ihren Augen. Ich wusste vorher gar nicht, dass auch Menschen es regnen lassen können und eine zeit lang dachte ich, SIE machen den Regen. Aber ich weiß, dass es Bäume schon länger gibt als Menschen und damals hatte es auch schon geregnet. Hmm, vielleicht haben sie auch das nachgemacht, ja, so wird es sein. Regen bedeutet Leben, so wie das Licht auch und vielleicht wollte die Frau, dass der Mann wieder lebt, also hat sie es regnen lassen. Aber es hat nichts geholfen. Ein toter Stamm ist ein toter Stamm, der Regen belebt ihn nicht, er lässt ihn nur verfaulen. Auch dieser tote Mann ist verfault, so wie altes modriges Holz, aber nicht ganz: Seine Borke ist weg und auch sein Bast, doch der Stammkern ist noch da, weiß und verästelt, zu meinen Füßen.
Auch der einst glänzende Ast und sein Haar sind noch da. Aber der Ast glänzt heute nicht mehr, denke ich und eine meiner Wurzeln hat ihn zerbrochen. Das Haar hat sich nicht geändert, es ist noch genauso wie damals, nur voller Erde jetzt. Damals, bei der Beerdigung, haben sie keine Erde an den Toten gelassen. Sie haben die Holzkiste geschlossen nachdem die Frau gesprochen hatte und dann haben sie Erde auf die Kiste getan, bis kein Loch mehr da war. Dann haben sie die Erde festgestampft. Das war gut, ja sehr gut. Löcher sind schlecht und Höhlen auch. Dann sind sie gegangen, einzeln und auch in Gruppen. Die Frau und ein anderer Mann, er muss wohl sehr alt gewesen sein – ich erkenne Alter, wenn ich es sehe – gingen als Letzte. Ich habe sie nie wieder gesehen. Die Leute am Fuße des Hügels gingen auch und ich sah das Feuer in die Nacht verschwinden. Ich habe in dieser Nacht auch noch Lärm gehört, später, einige Stunden – schon wieder ein Wort der Menschen, wir teilen die Zeit nicht so sehr ein wie sie – nachdem die Menschen mich verlassen hatten und es war Feuer am Horizont und hier und da kam es mir vor, als sähe ich Gestalten umherlaufen, einer hinter dem anderen her, ihr Glanzäste hoch über ihre Köpfe schwingend. Aber ich habe schon viel vergessen, vielleicht erinnere ich mich auch nicht mehr so richtig daran. Die Frau und der Mann… hmmm… vielleicht wie zwei Bäume; auch wir brauchen einander, zum Schutz, zur Gesellschaft und um neues Leben zu erzeugen. Bei den Menschen muss es ähnlich sein, aber ich denke, sie brauchen einander noch viel mehr als wir Bäume. Sie leben auch nicht lange und sie sind vielleicht deshalb so sehr voneinander abhängig. Trotzdem töten sie einander, früher wie heute. Ich habe nie einen Baum einen anderen töten sehen, obwohl ich vor langer Zeit gehört habe, dass es Ausnahmen geben soll. Die Menschen bringen sich aber nicht ausnahmsweise um, sondern oft. Nun ja, vielleicht ist das so ihre Art, obwohl – der Frau schien das nicht zu gefallen. Vielleicht ist auch das ihre Art, wer weiß?

Das Feuer schmerzt, es breitet sich aus, auch in die Tiefe. Der Kern ist bedroht. Noch ist er stark, nie wurde er ausgehöhlt und darauf bin ich stolz. Doch jetzt wird ihn das Feuer auffressen. Wieso bin ich eigentlich traurig? Es ist schon in Ordnung zu sterben, alles stirbt eines Jahres, irgendwann. Ich habe außerdem lange gelebt und viel gesehen. Ich habe meine Schösslinge aufwachsen sehen – aber auch sterben. Vielleicht lebt ja einer noch, als Same einst vom Winde davongetragen. Irgendwo. Aber nicht hier und das macht mich traurig, denke ich. Ich wollte so gerne mit einem anderen Baum reden, oder mich einfach nur zusammen mit ihm im Winde wiegen. Etwas Neues erfahren, etwas Altes erzählen… Ich schweife in Gedanken ab und bemitleide mich selbst.
Wie der junge Mann, damals, vor …. vor langer Zeit. Er kam den Hügel herauf zu mir, ganz langsam, ruhig und still. Das machte ihn mir gleich sympathisch. Aber dann sah ich, dass sein Gesicht traurig war und er ließ die Schultern hängen. Dann sah er zu mir auf und ich denke, für einen Augenblick hatte er mich WIRKLICH gesehen. Aber dann senkte er seinen Blick und der Moment war vorbei. Er seufzte und setzte sich. Dann rutschte er nach hinten, bis er an meinen Stamm stieß. Er lehnte sich an mich und das war das erste Mal, dass mich ein Mensch berührt hat. Ich fand, er war so zart, ich konnte ihn fast gar nicht spüren. So energiegeladen die Menschen auch wirken, so schwach können sie sein. Aber sie können auch steinharte, fahrende Schalen bauen und glänzende Äste, Klingen heißen sie und das gleicht es wieder ein wenig aus. Aber nicht bei diesem hier. Ein Sturm, den ich leicht aushalten könnte, hätte ihn schnell getötet. Aber dafür konnte er ja auch weglaufen und ich nicht. Ihm schien aber nicht nach Laufen zumute. Er saß einfach nur da, manchmal murmelte er vor sich hin, doch meistens schwieg er nur.
Nach einiger Zeit zog er ein buntes Blatt unter seiner Rinde hervor und betrachtete es. Ich sah, was darauf abgebildet war: ein Mensch, eine Frau, ja eine Menschenfrau. Der Mann blickte lange auf das Blatt und plötzlich ließ er es regnen aus seinen Augen. Ich erinnerte mich an die Frau von einst. Vielleicht war diese andere Frau auf seinem Blatt auch tot, so wie der Mann in der Holzkiste zwischen meinen Wurzeln, direkt unter seinen Füßen. Vielleicht war sie auch fort und er war so allein wie ich. Irgendwann steckte er das Blatt wieder weg und er stand auf.
Er blickte an mir hoch und nahm dann etwas anderes aus einer Falte unter seiner Borke. Er zog daran herum und da war es lang und biegsam und sah aus wie Bast, nur war es dicker und auch dunkler. Er nahm den Bast und blickte prüfend noch einmal an mir hoch. Da! Auf einmal warf er ein Ende der Basts hoch, während er das andere noch in seiner Hand hielt. – Hände: Das sind des Menschen Hauptäste, zwei an der Zahl, mit sehr biegsamen Zweigen an ihrem Ende. – Der Bast schlang sich um einen meiner niedrigeren Äste und fiel wieder herunter. Der Mann nahm beide Enden in seine Hände und arbeitete daran herum. Dann zog er an einem Ende und das andere wanderte wieder nach oben. Er zog und zog, bis es auf einmal einen Ruck gab. Der Bast war fest an meinem Ast befestigt. Er zog noch mal daran und zerrte, aber der Bast hielt fest und so ich auch. Ich überlegte, was das denn bedeuten solle. Wollte er mich zu Fall bringen, mich stürzen? Ich weiß von früher, dass Menschen Bäume fällen, sie ziehen sie mit so einem Bast herunter. Aber zuerst hört man die Schläge. Sie schlagen die Bäume immer zuerst, bevor sie sie fällen. Dieser Mann hier hatte aber nichts zum Schlagen dabei. Er zog nur und zerrte an dem Bast. Dann, auf einmal, hörte er auf und begann, an mir heraufzusteigen. Er schaffte es aber nicht weit, aber immerhin, er kam ein wenig voran. Dann nahm er das andere Ende, das immer noch in seinen Händen gehalten hatte und schlang es sich um den Hals. Er arbeitete mit seinen Händen, dann war er fertig. So stand er nun da, auf einem Vorsprung meines Stamms, nur die Hälfte seiner Körperhöhe hoch. Er stand da und rührte sich nicht. Ich fragte mich, was er denn da so tun wollte. War er etwa von einer Art wie wir Bäume, wollte er sich nicht wieder bewegen? Aber nein. Denn er holte wieder das bunte Blatt hervor und betrachtete es lange. Er wollte es dann wieder wegtun, aber es entglitt ihm und fiel zu Boden. Er erschrak und griff danach, rutschte aus und fiel. Plötzlich war da ein Zug an meinem Ast und da merkte ich erst, dass der Mann an einem Seil hing und das hing an meinem Ast und zerrte daran. Einen Moment lang dachte ich, dass er mich wohl doch hat täuschen wollen mit seiner Baumartigkeit um mich dann doch noch zu fällen.
Dann aber fiel mir auf, dass seine Kraft bei weitem nicht reichte um mich auch nur ein wenig zu gefährden. Jedes laue Lüftchen war stärker. Während ich so vor mich hin überlegte, fiel mir auf, dass der Mann sich heftigst bewegte. Er streckte seine beiden Wurzeln, die er nach Menschenart nie in die Erde versenkte, weit von sich, während er mit seinen Händen nach dem Seil griff und sich dabei unablässig drehte. Da knarrte es. Da krachte es. Da brach der Ast, der schon seit langer Zeit kein Leben mehr in sich trug. Er fiel zu Boden und der Mann auch. Da lagen sie nun, mein toter Ast und der halbtote Mann über einer Kiste aus Holz mit einem toten Mann darin. So lag er und drehte sich und krümmte sich.
Ich hatte mittlerweile begriffen: Dieser Mann wollte sich selber töten. Ich fragte mich wieso? Hätte er nicht einen anderen fragen können, der sowieso vorhatte, jemanden zu töten? So hätten beide bekommen, was sie wollten. Nun, das war jetzt nicht mehr so wichtig. Irgendwann schaffte der Mann es dann noch, wieder aufzustehen. Er entfernte den Bast von seinem Hals und nahm dann das bunte Blatt wieder in seine Hand. Er blickte darauf und dann wieder auf zu mir. Wieder hatte ich das Gefühl, er sähe mich direkt an. “Danke” sagte er. Ich habe oft Menschen sprechen hören, aber nie habe ich ihre Sprache verstanden. Diesmal jedoch war es anders. Zum allerersten Mal gewann ein Menschenwort Bedeutung für mich. Er hatte “danke” gesagt! Wieso eigentlich? Ich war ihm keine große Hilfe gewesen in seinem Bestreben zu sterben und ich konnte ihm auch jetzt nicht mehr helfen, denn mein nächster Ast war wohl viel zu hoch für ihn. Als ich wieder nach ihm sehen wollte, war ich überrascht: Er war nicht mehr da! Ich sah ihn noch von hinten, wie er wieder fortging, auf den Horizont zu, wie damals die vielen Leute nach dem Begräbnis. Nur war da mittlerweile ein Wald entstanden, ein Wald der Menschen, mit Bäumen wie Felsen und Berge. Zumindest sah das aus der Ferne so aus. Auf diesen Wald ging der junge Mensch nun zu und ich sah ihn nie wieder.

Dieser Wald… Er war gewachsen im Laufe der Zeit und kurze Zeit, nachdem mich dann der Splitter getroffen hatte, war er eines Nachts abgebrannt. Es war kein Sturm und es gab auch keinen Wind, aber trotzdem gab es Blitze, so viele, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Und auf die Blitze folgten die Feuer. Sie brannten die ganze Nacht und am folgenden Tag. Und als ich ihn wieder sehen konnte, da standen seine Bäume noch, jedenfalls die meisten, aber sie waren schwarz. Ob ich wohl auch so schwarz sein werde, wenn mich das Feuer erst einmal verbrannt hat? Ich habe mich noch nie selbst gesehen und ich werde mich auch nicht sehen, wenn ich verbrannt sein werde und tot.
Aber Feuer ist Feuer, ich werde bestimmt auch so schwarz sein wie die Menschenbäume von damals. Aber ich habe immer noch Hoffnung: vielleicht erhole ich mich wieder, genauso wie dieser Wald der Menschen: Kaum war er abgebrannt, da war er schon wieder nachgewachsen. In kürzester Zeit standen die Steinbäume wieder in ihrer vollen Pracht. Ich habe gehört, dass unsere Baumkinder nach einem Feuer besonders gut wachsen und gedeihen. Ich glaube, ich muss meine Ansicht über das Feuer überdenken. Schade, dass ich dazu nicht mehr kommen werde…
Nun ja, jedenfalls steht der Menschenwald heute wieder. Nur sind seine Bäume größer und höher als früher und er scheint gewandert zu sein: Er steht mir sehr viel näher als noch vor kurzer Zeit. Er ist sogar schon so nahe, dass ich sehen kann, wie die Menschen in ihm leben. Ich sehe, wie sie sich bewegen in ihren Fahrzeugen, ich sehe, wie sie die Steinbäume bewohnen, wie einst der Specht mich. Der Wald ist ziemlich laut, aber sie scheinen sich trotzdem wohl zu fühlen. Auch ich habe mich mittlerweile daran gewöhnt. Zuweilen klingt der Lärm der Stadt wie das Rauschen des Windes. Manchmal sehe ich auch grüne Flecken zwischen ihren Bäumen, aber es sind nur einige Sträucher, und Gras. Was ich nur nicht verstehe, ist, dass dieser Wald jede Nacht brennt: Nacht für Nacht, an vielen Stellen, auch dann, wenn es regnet. Doch jeden Morgen steht er wieder da, so wie am Tag zuvor. Ich glaube, sie und das Feuer sind Freunde, vielleicht beherrschen sie es auch, jedenfalls scheinen sie es zu nutzen… Aber natürlich! Damals trugen sie auch das Feuer in ihren Händen und sie ließen es auch knallen und Feuer entstehen! Vielleicht…?!? Nein, wie soll ich mich ihnen denn verständlich machen? Sie sind immer noch das Eifrige Volk von einst, nur denke ich, dass sie noch viel hastiger geworden sind. Außerdem würde es zu lange dauern ihnen zu vermitteln, dass ich das Feuer nicht so meistern kann wie sie. Nun ja, so ist das nun einmal. Ich finde es nur sehr schade, dass hier kein weiterer Baum ist. Vielleicht ist das aber auch besser so, denn ich könnte den anderen ja auch gefährden. Wenn wenigstens irgend jemand hier wäre! Auch die Fliegenden haben mich bereits verlassen, ihre Häuser in meinem Geäst sind leer. Ein Mensch ist auch nicht hier, das wäre doch wenigstens etwas gewesen…

Sie kommen manchmal zu mir, immer zu zweit, meist im Frühling und kurz danach. Sie rasten zu meinen Wurzeln, über dem alten Grab und ich hatte überlegt, ob ich das denn dulden wollte. Zu tief steckt der Splitter von einst, als das ich ihn vergessen könnte… Aber ich habe mich entschieden: So konnte ich meine Schuld an den jungen Mann, dem ich nicht habe sterben helfen können, wiedergutmachen. Also habe ich immer dann, wenn sie zu mir kamen, meine Äste über sie ausgebreitet und ihnen Schatten gespendet. Ich weiß, dass sie manchmal Schatten brauchen, obwohl sie so sehr von Feuer und Licht umgeben sind; vielleicht aber auch genau deshalb.
Immer zu zweit kamen sie, immer zu zweit, sie rasteten zu meinen Wurzeln und sprachen leise miteinander, immer ein junger Mann und eine junge Frau. Manche blieben lange, manche nicht, manche kamen öfter. Ich habe ein wenig von ihrer Sprache gelernt in dieser Zeit und weiß jetzt, dass sie einander sehr brauchen. Ich verstehe jetzt auch, wieso die Frau damals geweint hat – weinen nennen sie es, wenn sie aus den Augen regnen lassen – und wieso sie mit ihren Mund den des Toten im Grab berührt hat, bevor sie es mit Erde zugeschüttet hatten. Und ich denke ich weiß, wieso der junge Mann meinte, sterben zu wollen. Nur verstehe ich nicht, wieso er sich nicht anderen Menschen angeschlossen hat, wo es doch so viele von ihnen gibt… Aber ich respektiere seine Entscheidung, obwohl ich sie nicht billigen kann. Es wäre wider meiner Natur, so etwas auch nur annähernd zu erwägen. Aber solche Gedanken erübrigen sich ja, denn ich brenne. Mein Kern liegt schon so gut wie frei, es wird wohl nicht mehr lange dauern. Vielleicht werde später junge Schösslinge auf meinen Überresten wachsen und sich prächtig emporrecken. Aber woher sollen sie denn kommen? Ich weiß doch nicht einmal, ob es noch andere Bäume gibt…

Ich fühle das Feuer jetzt mehr als zuvor, es frisst an mir, ich will nicht, warum, was habe ich nur getan um das zu verd… nein!, noch nicht, ich…….

EPILOG

Außerhalb der Stadt, auf einem Hügel, da steht ein mächtiger Baumstumpf. Er misst mehr als zwei Meter und lässt ahnen, welch’ Baum da einst stand, denn er ist breiter als hoch. Auf dem ganzen Hügel verteilt, wächst eine junge Baumschule zu einem prächtigen Hain heran, sorgsam von Menschenhand gepflegt. Der alte Trampelpfad ist jetzt ein gepflasterter Weg aus mehrfarbigen, behauenen Steinen. Um den Stumpf herum, in respektvollem Abstand, stehen einige Bänke. An der Seite des Stumpfes ist eine Tafel angebracht. Auf der Tafel steht:

HIER STAND EINST EIN MÄCHTIGER BAUM: TAUSEND JAHRE WAR ER FAST ALT; WIE UNS SEINE RINGE BELEGEN: ER HAT MEHR GESEHEN ALS JEDER MENSCH; MEHR ERLEBT ALS WIR ALLE. ER STAND SCHON HIER; ALS ES UNSERE SCHÖNE STADT NOCH NICHT GAB; ER HAT IHRE ENTSTEHUNG ERLEBT UND IHRE BOMBARDIERUNG IM KRIEG. UND IHREN WIEDERAUFBAU: DURCH ALL DIESE ZEITEN HAT ER UNS BEGLEITET.

GAR MANCHES PAAR HAT SEIN HERZ FÜREINANDER ENTDECKT IN SEINEM SCHATTEN. EIN SYMBOL WAR ER UNS FÜR RUHE UND STÄRKE; ER WIDERSTAND JEDEM STURM. VOR DREI JAHREN STARB ER; VOM FEUER VERZEHRT.

IHM ZUM GEDENKEN ENTSTAND DIESER ORT.

DIE BÜRGER DIESER STADT

Adrian Müller / Aaron Caelis

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