Gespräch zwischen Kerze und Zündholz

Es kam der Tag, da sagte das Zündholz zur Kerze: „Ich habe den Auftrag dich anzuzünden.“

„Oh nein“, erschrak die Kerze, „nur das nicht! Wenn ich brenne sind meine Tage gezählt. Niemand mehr wird meine Schönheit bewundern.“

Das Zündholz fragte: „Aber willst du denn ein Leben lang kalt und hart bleiben, ohne zuvor gelebt zu haben?“

„Aber brennen tut doch weh und zehrt an meinen Kräften“, flüsterte die Kerze unsicher und voller Angst.

„Es ist wahr“, entgegnete das Zündholz, „Aber genau das ist doch das Geheimnis unserer Berufung. Wir sind berufen, Licht zu sein. Was ich tun kann ist wenig. Zünde ich dich nicht an, so verpasse ich den Sinn meine Lebens. Ich bin dafür da, Feuer zu entfachen. Du bist die Kerze, du sollst für andere leuchten und Wärme schenken.
Alles was du an Schmerz und Leid und Kraft hineingibst, wird verwandelt in Licht. Du gehst nicht verloren, wenn du dich verzehrst. Andere werden dein Feuer weitertragen. Nur wenn du dich versagst wirst du sterben.“

Da spitzte die Kerze ihren Docht und sprach voller Erwartung:

„Ich bitte dich zünde mich an …!“

Verschwenderische Sonne

Die Sonne reiste in ihrem Feuerwagen über den Himmel, froh und glorreich warf sie ihre Strahlen in alle Richtungen zum großen Ärger einer gewittrig gelaunten Wolke, die brummte:
„Verschwenderin, Vergeuderin, wirf nur deine Strahlen alle weg, du wirst schon sehen, was dir dann übrig bleibt.“

Jede Traube in den Weinbergen, die an den Reben reifte, stahl sich einen Strahl in der Minute oder sogar zwei; und da war kein Grashalm, keine Spinne, keine Blume und kein Wassertropfen, der sich nicht seinen Teil genommen hätte.

„Lass dich nur von allen bestehlen: Du wirst schon sehen, wie sie es dir danken werden, wenn du nichts mehr hast, das man dir stehlen könnte.“

Die Sonne reiste vergnügt weiter und schenkte Millionen und Milliarden Strahlen, ohne sie zu zählen. Erst bei ihrem Untergang zählte sie die Strahlen, die sie noch hatte: Und siehe, es fehlte kein einziger. Die  Wolke löste sich vor Überraschung in Hagel auf. Und die Sonne verschwand vergnügt im Meer.

Gianni Rodari

Das Geschenk des Rabbi

Es war einmal ein Kloster, für das schwere Zeiten angebrochen waren.
Einst ein großer Orden, waren alle seine Bruderhäuser verlorengegangen als Folge der Wogen klosterfeindlicher Verfolgung im 17. und 18. Jahrhundert und der Säkularisation im 19. Jahrhundert.

Er war bis zu einem solchen Ausmaß dezimiert worden, daß nur noch fünf Mönche übrigblieben im zerfallenden Mutterhaus: der Abt und vier andere, alle Über 70 Jahre alt.
Es war klar, daß es ein sterbender Orden war.

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Eine Baumgeschichte

Ich brenne. Feuer erweckte mich zum Leben, Feuer nimmt es mir wieder. Andere Bäume haben mir erzählt, dass das Feuer mich, als ich noch eine Samenkapsel war, zum Keimen brachte. Das Feuer vernichte altes Leben, um neues Leben zu ermöglichen, sagten sie. Auch ich war damals junges Leben, aber ich erinnere mich nicht mehr daran.
Heute bin ich alt. Sehr alt sogar, vielleicht uralt, vielleicht älter; ich weiß es nicht mehr so genau. Ich sah junges Leben sprießen im Überfluss, rings um mich herum, auf allen Seiten. Aber heute ist es nicht mehr. Eine Baumgeschichte weiterlesen

Die Geschichte vom Traum

Ich hatte etwas geträumt. Einen schönen, netten Traum.

Doch: Kurz vor dem Aufwachen wurde eine der lieben Traumfiguren plötzlich panisch. Sie hatte irrsinnige Angst zu sterben. Sagte zu mir, ich darf nicht aufwachen, weil sonst stirbt sie ja. Wahnsinnig geworden.

Sterben? Meine Traumfigur? Glaubte plötzlich selbst zu sein?

Identifizierte sich mit sich selbst.

Was tun?

Normalerweise denke ich mir, sie ist nicht ganz bei Sinnen und wache einfach auf. Ist ja auch verrückt! Aber: Sie hatte mich bereits gefangen. Ich begann ihr zu erklären, dass es nur ein Traum, MEIN Traum, ist. Dass das alles ein Unsinn ist. Sie begann zu weinen.

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Die Geschichte von der traurigen Traurigkeit

Als die glutrote Sonne am Horizont dem Tag langsam entschwinden wollte, 
ging eine kleine zerbrechlich wirkende Frau einen staubigen Feldweg entlang.
 Sie war wohl schon recht alt, doch ihr Gang war leicht und ihr Lächeln 
hatte den frischen Glanz eines unbekümmerten Mädchens.

Fast am Ende dieses Weges,
 saß eine zusammengekauerte Gestalt, die regungslos auf den trockenen,
 ausgedörrten Sandboden hinunter starrte. 
Man konnte nicht viel erkennen, 
das Wesen das dort im Staub des Weges saß, schien beinahe körperlos zu sein. 
Es erinnerte an eine graue aber weiche Flanelldecke mit menschlichen Konturen.

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Achte gut auf diesen Tag

Achte gut auf diesen Tag, denn er ist das Leben –
das Leben allen Lebens.
In seinem kurzen Ablauf liegt alle Wirklichkeit und Wahrheit des Daseins,
die Wonne des Wachsens, die Herrlichkeit der Kraft.
Denn das Gestern ist nichts als ein Traum
und das Morgen nur eine Vision.
Das Heute jedoch – recht gelebt –
macht jedes Gestern zu einem Traum voller Glück
und das Morgen zu einer Vision voller Hoffnung.
Darum achte gut auf diesen Tag.

aus dem Sanskrit

Nicht wir

Es sind nicht wir, die einen Zustand erreichen.
Es ist der Zustand, der uns erreicht.

Es sind nicht wir, die Stille erschaffen.
Es ist die Stille, die uns durchdringt.

Lasst es uns erlauben, dass die Freiheit uns wieder auffrischt,
sie in uns eindringt, in uns Platz nimmt für einige Momente,
uns verlässt, zu uns zurückkommt…

Dies ist das Schwierigste zu erreichen:
die Akzeptanz der Freiheit der Bewegung,
der Kreativität des Lebens –
zu verstehen, dass ein unveränderlicher Zustand,
so wundervoll er auch sein mag,
mit dem Leben nicht vereinbar ist.

Daniel Odier